Donnerstag, 24. Juli 2008

Manchmal

... muss ich an einen Satz denken, den mir vor langer Zeit jemand gesagt hat (der Zusammenhang wird gleich klar): „Die besten Geschichten liegen auf der Straße.“
Ich fand diesen Satz damals relativ platt und in meiner jugendlichen Überheblichkeit bürstete ich ihn sogleich von mir ab. Der Mann war sechzig, ein alter Journalistenfuchs und mit allen Wassern gewaschen. Er sollte unsere „Schreibe“ justieren. Und das hat er.

Im Gegensatz zu meinem heiß verehrten Deutschlehrer H. G. W. S., der mir unter einen besonders selbstverliebten Aufsatz schrieb: „Ein paar mehr Verben wären nicht schlecht.“; pflückte dieser Mann alle Texte, die ihm vorgelegt wurden genüsslich auseinander und strich alles Redundante. Das war gar nicht lustig. „Im Zuge“ – aah, Sie wollen verreisen. „Im Rahmen“ – Holzfällersprache, und so ging das weiter und weiter. Seitdem bin ich nicht besser und klarer mit meinen Worten, vielleicht achtsamer.

Der Satz mit der Straße hatte ja eine viel tiefere Bedeutung, schreibe, was Dich berührt, weiche nicht aus. Verstecke Dich nicht. Beweg’ Dich. Du musst genau hinsehen. Formulierungswut. Formulierungsstress. Die verdammte erste leere Seite: Schreibhemmung. Wenn Du nichts zu sagen hast, halt gefälligst Deinen Mund. So war das.
Kurze Zeit später habe ich einen Radiobeitrag zu Obdachlosen in Saarbrücken gemacht. Verpeilt wie ich damals war, habe ich es soweit auf die Spitze getrieben, dass ich Obdachlose, die unter einer Brücke in Saarbrücken gelebt haben, besucht und interviewt. Sangria in Fünf-Liter-Flaschen, ekelhafte Kampfhunde, vor denen ich Schiss hatte und ganz ehrlich, eine Reportage über diese Menschen..., die sehr weit weg blieben: Von Nähe – keine Spur.
Ich fand das damals mutig, war aber total arrogant und saß und sitze immer noch im Trockenen.

Harter Schnitt, in der noch nicht digitalen Welt des Radios von vor zwölf Jahren hieß das „blutiger Schnitt“, weil der Redakteur die Beiträge/Bänder geschnitten und wieder zusammengeklebt hat: In den vergangenen sieben Tagen habe ich gelitten. Wusste gar nichts mehr, weil ich nicht wissen konnte, wie eine lebensgefährliche Operation bei einem Menschen, der mir näher nicht sein kann, enden wird. Es sieht gut aus. Ich flattere nicht mehr hin und her.

Warum ich das hier schreibe? Es gab und gibt nichts Wichtigeres. Habe mich kaum getraut zu atmen, weil ich so sehr gewünscht habe, dass dieser Mensch weiteratmen und -leben kann.
Drumherum die allerliebsten Menschen, deren Mitgefühl mir sehr viel Kraft gegeben hat.

Dafür bin ich sehr dankbar. Und über einen Umweg habe ich vielleicht erklären können, was der Satz mir heute bedeutet.

Freitag, 18. Juli 2008

Fünf Jahre

... hat folgender Text an der Tür meines WG-Zimmers geklebt. Heute habe ich aufgeräumt und er ist mir wieder in die Hände gefallen:

Seit ich Dich liebe, bin ich ganz stumm geworden in Deiner Gegenwart. Je mehr ich empfinde, desto weniger kann ich sagen. Du willst wissen warum. Ich antworte nicht. Aber Du errätst es. Du hast Dir jenen Satz gemerkt aus meinem Tagebuch. «Ist es», fragst Du «weil die Liebe so schwer ist, die man dem nicht schenken darf, dem sie gehört?»
Ich nicke.
«Aber warum denn nicht», sagst Du, «ich bin doch da.»
Und dann stehst Du langsam auf, kommst zu mir, hebst mein Gesicht zu Dir empor und küßt mich auf den Mund.
Das ist die Minute, die ich nie vergessen werde. Und diesen Kuß suche ich von nun an in jedem Kuß, den ein anderer Mann mir später gibt.


Aus: „Zerstörungen“ von Gisela Noy

Ich stand ganz oft davor und habe ihn wieder und wieder gelesen und dabei an einen einzigen Mann gedacht. Als ich aus der WG auszog habe ich wohl die Zettel von der Tür genommen und sie weitertransportiert in die nächste Wohnung und die über- und überübernächste.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Kraft|Stoff

Heute Nacht bin ich mit Kontaktlinsen eingeschlafen. Ich habe sie seitdem nicht herausgenommen. Sie fühlen sich gut an in diesem Augenflüssigkeit-Tränen-Gemisch, das ist wie ein grundsolides Benzin-Öl-Gemisch.

Brauche diese Art von Kraftstoff zum Weiterwarten.

Ich werde jetzt keine „Feuchtgebiete“ trockenlegen. Das Buch ist jetzt nach anderthalb Monaten wieder bei mir gelandet und zu meiner Freude in einigen Händen gewesen. Bücher auf Wanderschaft - keine weitere Philosophie zu Körperflüssigkeiten, dem Motorenstoff des Lebens...

Trinke Wein und denke nach, vorhin habe ich telefoniert, gestern habe ich telefoniert. Zwischendurch schweige ich und fühle das Warten und die Anspannung. Es ist nicht zum Aushalten. Ich werde gleich mal an die frische Luft, in der Wohnung halte ich es nicht aus.
Bewegen und Warten ist besser als Sitzen und Warten. Oder?

Den letzten Satz habe ich übrigens aus einer unverschämten Mail kopiert, die mir am Montagabend zugesandt wurde. Oder? Oder? Oder?
Ich kann auch unverschämt sein, kein Blatt vor den Mund nehmen, wie schrieb er noch gleich, direkt und undiplomatisch sein... achherrjeh. Bin ich immer. Das ist keine Kunst, wenn man nicht käuflich ist. DANN IST DAS NORMAL.

Ich schweige jetzt. Und bewege mich. Und warte.

Montag, 14. Juli 2008

Ohne Titel

Gucke gerade durch mich durch.

Kann mich nicht fixieren.

Was ich alles nicht kann...

Beten. Dafür kann ich in den Himmel schauen.

sunset1

Alles ernst nehmen. Hier ein Beispiel (artforum 2006).

lieblingskunst1

Und vieles, vieles mehr...

Freitag, 11. Juli 2008

„Falling Down“ oder die Geschichte vom gepflegten Phlegma

Freitagabend, Deutschland, Berlin-Mitte fast Kreuzberg.

Ich habe gerade die Wäsche gewogen, die ich in der vergangenen Woche gewaschen habe: schätzungsweise 23-24 Kilo.
Danach habe ich die Wäsche gewogen, die ich noch waschen muss ca. sechs Kilo.

Superbilanz.

Ein Buch (Umhängetasche) gelesen, zwei Filme gesehen (Control) (Liebesleben).

Zwei neue CDs gekauft (Coldplay) (Scarlett, die Johansson).

Kühlschrank ist gefüllt mit (bin gleich wieder da) sieben Käsesorten, einer Truthahnsalami und noch so ein paar Survival-Varianten (keine weiteren Details).

Telefonstatistik: Ich schätze mal so an die 12 bis 13 Stunden.

Mail-Bilanz: Täglich (privat) etwa drei bis vier.

Job: Kein Tag vor zehn im Büro, ein Tag nach acht aus dem Büro, Rest vertretbar...

Kaffee: zehn Liter, mindestens.

Zigaretten: hundert, mindestens.

Frühestens 7 Uhr 30 aufgestanden, spätestens 8 Uhr 30. Frühestens ins Bett gegangen 23 Uhr 30, spätestens ins Bett gegangen 1 Uhr 40.

Bestes Essen: Fisch beim Spanier. Ein Mal gekocht, auch Fisch. War nicht schlecht.

Mir fällt es schwer, überhaupt aufzustehen. Wenn ich dann erst einmal einen Liter Kaffee getrunken habe, dreht sich auch meine Erde.

Stehe ich irgendwann wirklich angezogen vor meinem Spiegelbild, muss ich darüber lachen...

Alles wirkt für mich so improvisiert. Kenne ich doch den Zustand meiner Wohnung (gepflegtes Chaos) sehr genau.

Mittlerweile erhalte ich schon voll genervte Briefe, Mails und Anrufe von der Sekretärin eines Mannes, der sich freundlicherweise um meine Versicherungen und Co. kümmert.
Gestern habe ich die arme Sekretärin drei Mal weggedrückt. Heute war in meinem Briefkasten folgender Brief:

„ ... schon mehrmals haben wir vergeblich versucht, Sie zu erreichen. Immer noch fehlen uns wichtige Unterlagen, die Sie uns zukommen lassen wollten.
Dies ist meine letzte Aufforderung zur Übersendung der Unterlagen. Sollten die Unterlagen innerhalb einer Woche nicht eintreffen, lege ich den Vorgang zu meinem Bedauern ab...“

Ich kann so etwas gerade gar nicht .............................................................................

Das ist also „Falling Down“ mit Scarlett. Sonntag dann wieder mehr Engagement in Sachen Lebensführung. Die Zeiten, in denen ich anfallartig bis morgens um vier Kontoauszüge und andere Sachen an ihren Platz geräumt habe, sind gerade nicht.

Morgen bringe ich noch den Papiermüll weg und dann bin ich ersteinmal zwei Tage nicht hier.
Und einfach für jemand anderen da.

Das muss reichen.

Gepflegtes Phlegma als Schutz............. funktioniert.

So, jetzt Rechner runter fahren, mich runter fahren, Kraft sammeln. Und wie sagte gestern ein Freund zu mir, Zuversicht ausstrahlen. Wie mache ich das bloß?

Mein linker Ellbogen schmerzt immer noch, die blauen Flecken sind grün-gelb.

Sie brauchen noch ein bisschen Präsenz. Sollnse.

Montag, 7. Juli 2008

Zeit

..., mir die Frage zu stellen: Was ist eigentlich los?

In der vergangenen Woche falle ich kopfüber auf den Asphalt, vorher hatte ich einen Blackout, kein Gefühl für meinen Körper und das am Alex, mitten in Berlin gehorche ich mir nicht mehr und das Fahrrad erst recht nicht. Bin mit ein paar Schürfwunden, leichten Prellungen und irgendwie mittlerweile riesigen blauen Flecken davon gekommen. Das war am Donnerstagmorgen.

Donnerstagabend war ich bei einer Lesung. Ich habe mich so sehr darauf gefreut, dass ich trotz Schmerzen dahingefahren bin. Martin Reichert las aus seinem Buch: „Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche“. Da saß ich also neben seiner ehemaligen Mitbewohnerin, die rein zufällig meine Freundin ist. Wir fächerten uns Luft zu, Gewitter drückte auf Berlin und die Kantine vom Berghain war schwül, sehr schwül. Die Barfrau organisierte uns noch Sitzplätze, der Laden war voll, aber da lag auf je einem Klappstuhl eine zitty und ein Fahrradschloss, was wir wegnehmen durften. Worüber wir uns freuten, denn schließlich sind wir Mitte dreißig, genau die Zielgruppe von Martins Buch.

All das, was in seiner Umhängetasche war, befand sich zu 80 Prozent auch in meiner. Und ich habe NIE jemanden reingucken lassen. Das ist eine Leistung, den Röntgenblick auf uns zu lenken, mich zu entlarven, vielleicht auch meine Nachbarn. Das Buch lebt. Es ist treffend. Es ist in einigen Momentaufnahmen so schmerzhaft genau, dass ich mich beim späteren Lesen am Wochenende so ertappt fühlte, dass ich mir unwillkürlich auf die Lippen biss. An jenem Abend befand sich mein Schlüsselbund für meine Wohnung, ein Lippenstift von Helena Rubinstein, Zigaretten, Feuerzeug, ein Moleskine-Kalender, etwas Geld in meiner A5-Tasche und das wars, also keine Kondome, kein Ersatzslip oder gar Socken (sic!). Der Schlüsselbund für mein Elternhaus liegt bei mir in der Küche, den habe ich vor etwa fünf oder sechs Jahren abgeteilt. Ihn losgelassen. Um die Frage mal andersherum zu beantworten, die ich gestellt habe: Was war die Ausrede (also Utensil) in der Tasche, von der es sich zu trennen, am schwersten fiel... es waren nicht die Schlüssel, die gebe ich nicht her, ich trage sie nur nicht mehr mit meinen durch ganz Berlin. Im übertragenen Sinne (in welchem auch sonst), ist es die Klemmmappe.
Ich bin auch noch nicht über den Berg, aber ich arbeite nicht mehr zehn bis zwölf Stunden oder sogar noch mehr, ich arbeite acht. Heute sogar zehn Minuten weniger. Ich bin lernfähig.

Was vom Abend übrig bleibt: Wir saßen irgendwann. Einer von uns schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es schon fünf nach zwölf ist, mir rutschte raus, dass dies ja besser sei als fünf vor zwölf wie auf der Uhr in der Kantine neben einem Portrait von Erich Honecker. Darauf haben wir angestoßen. Und das hat mir Spaß und Mut gemacht.
Nein, es geht nicht mehr, bis morgens um die Häuser zu ziehen, wir arbeiten alle, deswegen haben wir uns auch eine Stunde später aufgelöst.
Keiner von uns hatte an diesem Abend eine Umhängetasche dabei, aber ich wette, dass wir sie alle noch griffbereit haben...

Seit Freitag ist einiges ernster, nicht so spielerisch, wie das symbolische Auspacken einer vollgestopften Tasche. Manches kann man nicht so einfach auspacken.

Gut ist, dass ich mich vor anderthalb Jahren wiedergefunden habe, weiß wo ich bin, sodass ich ganz ruhig und besonnen auf die nächsten Tagen zugehen kann.

Ich weiß auch schon mehr über die Richtung.

Montag, 30. Juni 2008

Halbzeit

Das Jahr 2008 ist zur Hälfte geschafft, die Europameisterschaft vizemäßig, mit Betonung auf die letzten beiden Silben, soeben zu Ende gegangen. Halbzeit im Sinne von... kurz verschnaufen, in die Kabine, mir einen Anschiss vom Trainer abholen, mich vom Physiotherapeuten einmal ordentlich durchkneten lassen. Halbzeit eben. Was man sich eben so darunter vorstellt. So schnell wie es rein in die Kabine geht, muss ich auch schnell wieder auf den Platz, gottseidank ohne Platzwunde aber dafür mit ein paar blauen Flecken. Schönheitspreise will ich nicht gewinnen. Hoffentlich brauch ich keine „Pferdelunge“ zum Anschlusstreffer. Aber ich gebe alles. In Fußballsprache: Ich brenne auf den Ausgleich und will das Spiel nach Hause bringen. Mindestens.

Der Techniker vom Team 2008 hat mir geschrieben, leider ist das Material nicht zitierfähig. Er hat ja mir geschrieben und nicht Elsa.
Ich gehe noch mal kurz die Taktik durch. Verrate aber nicht, welche Position ich spiele.
Am liebsten wäre mir ja der Joker...

Der Text ist wirklich wahnsinnig anspielungsarm ;-) Ich arbeite dran. Versprochen.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Deutschland : Türkei (stark gekürzt)

[…]

[25.06.2008 21:17]
1:1 … bok.
[25.06.2008 21:43]
„bok“ hört sich (semantisch) im türkischen nicht wie im deutschen an :-) wie wäre es mit: hassiktir? ;-)
[25.06.2008 21:55]
hassiktir – was heißt das bitte?
[25.06.2008 22:00]
hassiktir entspricht „scheiße“…
[25.06.2008 22:38]
yes.
[25.06.2008 22:39]
gratuliere… im finale bin ich mit ganzem herzen für deutschland :-)
[25.06.2008 22:40]
hope so.
[25.06.2008 22:44]
don’t hope… just know it ;-)

[…]

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