Manchmal
... muss ich an einen Satz denken, den mir vor langer Zeit jemand gesagt hat (der Zusammenhang wird gleich klar): „Die besten Geschichten liegen auf der Straße.“
Ich fand diesen Satz damals relativ platt und in meiner jugendlichen Überheblichkeit bürstete ich ihn sogleich von mir ab. Der Mann war sechzig, ein alter Journalistenfuchs und mit allen Wassern gewaschen. Er sollte unsere „Schreibe“ justieren. Und das hat er.
Im Gegensatz zu meinem heiß verehrten Deutschlehrer H. G. W. S., der mir unter einen besonders selbstverliebten Aufsatz schrieb: „Ein paar mehr Verben wären nicht schlecht.“; pflückte dieser Mann alle Texte, die ihm vorgelegt wurden genüsslich auseinander und strich alles Redundante. Das war gar nicht lustig. „Im Zuge“ – aah, Sie wollen verreisen. „Im Rahmen“ – Holzfällersprache, und so ging das weiter und weiter. Seitdem bin ich nicht besser und klarer mit meinen Worten, vielleicht achtsamer.
Der Satz mit der Straße hatte ja eine viel tiefere Bedeutung, schreibe, was Dich berührt, weiche nicht aus. Verstecke Dich nicht. Beweg’ Dich. Du musst genau hinsehen. Formulierungswut. Formulierungsstress. Die verdammte erste leere Seite: Schreibhemmung. Wenn Du nichts zu sagen hast, halt gefälligst Deinen Mund. So war das.
Kurze Zeit später habe ich einen Radiobeitrag zu Obdachlosen in Saarbrücken gemacht. Verpeilt wie ich damals war, habe ich es soweit auf die Spitze getrieben, dass ich Obdachlose, die unter einer Brücke in Saarbrücken gelebt haben, besucht und interviewt. Sangria in Fünf-Liter-Flaschen, ekelhafte Kampfhunde, vor denen ich Schiss hatte und ganz ehrlich, eine Reportage über diese Menschen..., die sehr weit weg blieben: Von Nähe – keine Spur.
Ich fand das damals mutig, war aber total arrogant und saß und sitze immer noch im Trockenen.
Harter Schnitt, in der noch nicht digitalen Welt des Radios von vor zwölf Jahren hieß das „blutiger Schnitt“, weil der Redakteur die Beiträge/Bänder geschnitten und wieder zusammengeklebt hat: In den vergangenen sieben Tagen habe ich gelitten. Wusste gar nichts mehr, weil ich nicht wissen konnte, wie eine lebensgefährliche Operation bei einem Menschen, der mir näher nicht sein kann, enden wird. Es sieht gut aus.Ich flattere nicht mehr hin und her.
Warum ich das hier schreibe? Es gab und gibt nichts Wichtigeres. Habe mich kaum getraut zu atmen, weil ich so sehr gewünscht habe, dass dieser Mensch weiteratmen und -leben kann.
Drumherum die allerliebsten Menschen, deren Mitgefühl mir sehr viel Kraft gegeben hat.
Dafür bin ich sehr dankbar. Und über einen Umweg habe ich vielleicht erklären können, was der Satz mir heute bedeutet.
Ich fand diesen Satz damals relativ platt und in meiner jugendlichen Überheblichkeit bürstete ich ihn sogleich von mir ab. Der Mann war sechzig, ein alter Journalistenfuchs und mit allen Wassern gewaschen. Er sollte unsere „Schreibe“ justieren. Und das hat er.
Im Gegensatz zu meinem heiß verehrten Deutschlehrer H. G. W. S., der mir unter einen besonders selbstverliebten Aufsatz schrieb: „Ein paar mehr Verben wären nicht schlecht.“; pflückte dieser Mann alle Texte, die ihm vorgelegt wurden genüsslich auseinander und strich alles Redundante. Das war gar nicht lustig. „Im Zuge“ – aah, Sie wollen verreisen. „Im Rahmen“ – Holzfällersprache, und so ging das weiter und weiter. Seitdem bin ich nicht besser und klarer mit meinen Worten, vielleicht achtsamer.
Der Satz mit der Straße hatte ja eine viel tiefere Bedeutung, schreibe, was Dich berührt, weiche nicht aus. Verstecke Dich nicht. Beweg’ Dich. Du musst genau hinsehen. Formulierungswut. Formulierungsstress. Die verdammte erste leere Seite: Schreibhemmung. Wenn Du nichts zu sagen hast, halt gefälligst Deinen Mund. So war das.
Kurze Zeit später habe ich einen Radiobeitrag zu Obdachlosen in Saarbrücken gemacht. Verpeilt wie ich damals war, habe ich es soweit auf die Spitze getrieben, dass ich Obdachlose, die unter einer Brücke in Saarbrücken gelebt haben, besucht und interviewt. Sangria in Fünf-Liter-Flaschen, ekelhafte Kampfhunde, vor denen ich Schiss hatte und ganz ehrlich, eine Reportage über diese Menschen..., die sehr weit weg blieben: Von Nähe – keine Spur.
Ich fand das damals mutig, war aber total arrogant und saß und sitze immer noch im Trockenen.
Harter Schnitt, in der noch nicht digitalen Welt des Radios von vor zwölf Jahren hieß das „blutiger Schnitt“, weil der Redakteur die Beiträge/Bänder geschnitten und wieder zusammengeklebt hat: In den vergangenen sieben Tagen habe ich gelitten. Wusste gar nichts mehr, weil ich nicht wissen konnte, wie eine lebensgefährliche Operation bei einem Menschen, der mir näher nicht sein kann, enden wird. Es sieht gut aus.
Warum ich das hier schreibe? Es gab und gibt nichts Wichtigeres. Habe mich kaum getraut zu atmen, weil ich so sehr gewünscht habe, dass dieser Mensch weiteratmen und -leben kann.
Drumherum die allerliebsten Menschen, deren Mitgefühl mir sehr viel Kraft gegeben hat.
Dafür bin ich sehr dankbar. Und über einen Umweg habe ich vielleicht erklären können, was der Satz mir heute bedeutet.
Elsa L. - 24. Jul, 22:06

